Herbstbrise
Sehr befremdend, in welch schillernden Farben nun Werken und Wirken des eben verblichenen Herrn Haider gesehen werden.
Das Phänomenale:
Ob Befürworter oder glühender Haiderkritiker -in diesen Tagen kommt kaum wer darum herum, eine sonderbare Form eigener Betroffenheit zu verspüren.
Samstag früh:
Online -Nachrichten auf- und Nespressomaschine angedreht.
Und dann das!
Diese Neuigkeit kann ich meinem Mann unmöglich vorenthalten- und, schwupp, klopf ihn munter.
Er: "Geh, des is jo oarg!" und, schwupp, hockt schon vor den Nachrichten.
Dass der seit 20 Jahren medial omnipräsente Umrührer des österreichischen Politikgeschehens nicht mehr sein soll,
klingt irgendwie unwahr.
"Bist du deppert! - Hast du des Auto g´seh´n?"
Ich wundere mich über mein aufkommendes Mitgefühl und ertappe mich dabei, die beiden Male, da ich ihm persönlich begegnet bin, Revue passieren zu lassen:
So fehlgeleitet und Unzählige fehlleitend seine Gesinnung, so beeindruckend seine Erscheinung.
So einer betritt nicht einfach einen Raum, er erscheint.
So einer vermag es, seine Kritiker im Nu via Charmeoffensive zu kalmieren.
Und so einer stirbt nicht normal, sondern stirbt grauslig und medienwirksam.
Die Erfüllung eines Klischées in Vollendung, Mythenbildung nicht ausgeschlossen.
Und doch so unsagbar banal.
Das erste Mal
Sommer 2003.
Wir, die Kollegen der Popshow "Völlig losgelöst", sitzen backstage am verregneten Stadtfest in Klagenfurt und überbrücken bei einem Bier die wetterbedingte Konzertverzögerung.
Da erscheint- plötzlich und unangekündigt- der LH Jörg Haider mit Gefolge.
In standesgemässer Bestlaune erobert er den Künstlerbereich, kommt mir strahlend entgegen und reicht zum Gruß die Hand.
Ich verweigere demonstrativ und tappse trotzig von dannen, murmele irgendwas von "Was macht denn der da?!", was er mit einem gütigen Lächeln zur Kenntnis nimmt.
Manuel O. (ein mittlerweile hoffentlich nicht unterstandsloser Pop-Sänger mit überzogener Seitenblicke-Ambition) ergreift die Chance: Während die Rose in der Ecke schmollt, liegt Manuel O. seelig in des LHs Armen und geniesst das Blitzlichtgewitter unter Leitung des Kärntner Krone-Reporters.
Ich muss in die abgelegene Garderobe und es schüttet in Strömen. Wie von allem, so auch davon, Wind bekommend, beauftragt Haider unverzüglich seinen Schirmträger (weitere Funktionen sind unersichtlich), der Rose regengeschütztes Geleit zu sichern.
Haider grinst und nickt wohlwollend, als ich mich seinem Anbot ergebe.
Mist, aber auch!
Nach Haiders Verabschiedung kommt es zum Eklat. Ich sage Manuel O., dass er sich bitte an einen anderen Tisch setzen möge, da ich für hirnlose Schleimer wie ihn kein Verständnis habe.
Manuel O. ist gekränkt und verteidigt sich wie auch das Gesamtwerk des LH mit suboptimalen Argumenten.
Zur Krönung werfe ich ihm Talentlosigkeit vor, die er 30 min. später als Support-Act unserer Show bestätigen wird.
Manuel O. ward seit diesem Tag nie wieder gesichtet.
Außer einmal auf der - bezeichnenderweise- Kärntnerstrasse zu Wien. Mitten in der Nacht und nackt.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Oder auch nicht.
Das zweite Mal
Irgendwann 2004.
Meine Managerin Kathy und ich haben beschlossen, nur mehr entweder "künstlerisch wertvollen" Angeboten zuzusagen oder, wenn schon Society-Event, dann bitte in beachtlicher Größenordnung.
Und dann das:
Ein Klagenfurter Großevent mit Rosen-Moderation inklusive Sangeseinlage "Für mich soll´s rote Rosen regnen".
In Knef-Kostümierung, mit prima Gage und einem netten Kollegen, der den Bécaud mimen wird, an meiner Seite.
Ohne genauere Hintergründe zu erfragen, sagen wir, nachdem der Organisator ebenbesagter, uns langzeitbekannter
Kollege ist, zu.
In der Veranstaltungshalle angekommen, wird uns sehr plötzlich bewußt, dass es sich heute um die "Redoute", den ultimativen Ball der Kärntner, den Jörgi-Preisungs-Ball handelt.
Mensch, Michi - da hast uns aber schön in die Pfanne gehaut!
Selber schuld: An Flucht und Inkaufnahme einer Vertragsbrüchigkeit ist nicht zu denken- da müssen wir jetzt durch.
Ohne bewußtseinserweiternde und, besser noch, -dämmende Substanzen geht hier & heute gar nix!
Ein in Rekordzeit gekipptes Bier läutet die Abfindungsphase für das mir blühenden Schicksal ein.
Kathy beruhigt mich mit der Tatsache, dass ich ja sowieso als "Hildegard Knef" und nicht als Rose gebucht sei und die Stunde bis zur optischen Transformation nicht mehr fern; Michi, der Übeltäter, erheitert mich mit Sätzen wie
"Geh, Sandy! Job is Job und der Jörgi is eh ein super Bursch´."
Aha. Sehr aufschlussreich, Michi.
Retterin des Abends wird Erika Zizala. Ihres Zeichens Maskenbildnerin der Sonderklasse, vollbringt sie das Wunder und bringt mich derart hildisch hin, dass mich nicht mal die Musikerkollegen wiedererkennen. Eine Sache, die mir den Einstieg in meine, schon bierlaunige, Moderation beträchtlich erleichtern wird und wofür ich ihr in diesem Moment die Füsse küssen möchte.
O, guter Herr, lass den Kelch an mir vorüberz...
"Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kärntner und KärntnerInnen, wertes Publikum!
Begrüßen Sie nun mit mir Ihren, euren Landeshauptmann Doktor Jörg Haider mit seiner Gattin Claudiaaa!"
Trommelwirbel, tosender Applaus.
Vorhang auf, die beiden die rote Treppe runter.
Er kommt mit weit offenen Armen auf mich zu. Umarmung.
Bussi links, Bussi rechts: "Grias di, super mochst du des- danke". Immer ein gutes Wort parat, der Jörgi.
Umarmung, noch ein Bussi, jössas, die Claudia auch noch, jö super...
Die Menge tobt.
Ihr Held, Vater, Wegweiser, Retter vor dem Bösen und allem Anderen- herrlich ist das, beinahe göttlich.
Jörg strahlt und winkt, Claudia tut´s ihm nach, ich mache das Interview wie in Trance, Jörg strahlt und winkt und Claudia tut´s ihm nach.
Meine Hilde gefällt ihnen sehr gut. Danke, Erika.
Ob die Knef mir das Überstülpen ihres Namens für derlei Zwecke verziehen hätte?
Wohl kaum. Sie hätte mir eine schallende Watsche verabreicht, mir den Buschn roter Rosen über den Schädl gezogen und danach das Gleiche getan, was Kathy und ich schon im vorab, mittendrin und v.a. danach taten: sich zugedröhnt bis zum Abwinken.
Die weiteren 3998 Anwesenden schienen übrigens eher zur Unterstreichung ihres seeligsten Glücksgefühls ebensoviel zu vertragen.
Ob aus Freud´ oder Leid: Gesoffen wird hier immer.
Und das Ding, das Haider tatsächlich auszeichnete, nennt sich schlicht Charisma.
Gibt´s weder käuflich zu erwerben noch zu erlernen.
Was man damit anstellt, ist halt die Frage.
Und kommen einem Narzissmus & Selbstüberschätzung ausgerechnet zum falschen Zeitpunkt in den Weg,
kann´s einem schon mal das Lenkradl nach rechts verreißen.